Kurzeinführung in den Dialog nach David Bohm


"Dialog" ist ein sehr unterschiedlich gebrauchter Begriff. Die gebräuchlichste Definition ist die eines Gesprächs zwischen Menschen. Wenn Dialog als Methode benutzt wird, bekommt der Begriff eine andere Bedeutung. Sein Ziel ist dann eine bewusste und gleichberechtigte Kommunikation, mit der eine tiefere Ebene des Verständnisses erreicht werden kann.

Der Physiker David Bohm (1917 - 1992) entwickelte eine Form des Dialogs, deren Ziel er auf Basis des Wortursprungs (dia bedeutet "durch" und logos "das Wort") als "Sinn, der durchfließt", beschrieb.
Er wollte damit eine möglichst große Perspektivenvielfalt erzeugen, um neue Ideen zu entwickeln und ein Verständnis für komplexe Fragen zu gewinnen. Dialog soll es ermöglichen, "gemeinsam zu beobachten, wie verborgene Werte und Absichten unser Verhalten bestimmen und wie unbemerkte, kulturelle Unterschiede aufeinanderprallen, ohne dass wir bemerken, was sich eigentlich abspielt."
Bohm schlug vor, den Dialog in einem Kreis zu führen, bei dem 20 bis 40 Menschen regelmäßig  zusammen kommen, um sich entweder mit einem vorher festgelegten Thema zu befassen (themenzentrierter Dialog), oder um beim Gespräch selbst ein Thema entstehen zu lassen (generativer Dialog). Diese Gruppen sollten sich über ein bis zwei Jahre treffen, damit sich die Dialogfähigkeiten der Teilnehmer entwickeln können.
Beim Dialog gibt es keine klassische Moderation und auch keine festgelegt Agenda. Die sog. Dialogbegleiter/innen erklären die Hintergründe, das Vorhaben, den Ablauf und ihre Rolle. Ansonsten achten sie lediglich darauf, dass der Dialog ein Dialog bleibt. Im Laufe der Dialogprozesse werden die Dialogbegleiter/innen überflüssig.

Es haben sich unterschiedliche "Regeln" für den Dialog herausgebildet. Hier eine Form, die sich bewährt hat. Als Hilfsmittel werden eine Klangschale und ein Redestein eingesetzt:

  1. Zu Beginn wird die Klangschale geschlagen.
  2. Es folgt eine Check In-Runde, bei der jede/r kurz etwas sagt und den Redestein an die Nachbarin oder den Nachbarn weitergibt.
  3. Wenn alle dran waren, wird der Redestein in die Mitte gelegt und der eigentliche Dialog beginnt. Ab jetzt wird der Redestein immer von der Mitte aufgenommen und auch wieder dorthin zurückgelegt.
  4. Der Dialog endet mit einer Check Out-Runde: Jede/r trägt wieder kurz etwas bei. Das kann ein kurzes Resümee dessen sein, was sie oder ihn gerade beschäftigt, was ihr oder ihm auffiel, was er oder sie fühlt oder noch zum Thema sagen möchte uvm.
  5. Danach wird die Klangschale geschlagen und der Dialog ist zu Ende.
  6. Bei neuen Dialoggruppen empfiehlt sich anschließend noch eine kurze freie Gesprächsrunde über den Dialogprozess selbst.


Die Grundhaltungen des Dialogs, wie sie von Bohms Schülern herausgearbeitet und formuliert wurden, können bei jeder Form des Gesprächs eingenommen werden. Durch ihren Einsatz  können unterschiedliche Perspektiven und deren Hintergründe sichtbar werden und in Lösungen und Entscheidungen einfließen.

Grundhaltungen des Dialogs sind:


Zuhören

Zuhören ist das Herzstück des Dialogs. Man hört dem, der spricht, mit voller Aufmerksamkeit zu ohne zu bewerten oder Gegenargumente anzuführen. Es geht darum, das Gesagte nachzuvollziehen. Gleichzeitig hört man nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst zu. Welche Gedanken, Gefühle, Assoziationen oder Bewertungen entstehen beim Zuhören? Um das wahrnehmen zu können, muss man dem anderen mit allen Sinnen zuhören.
Verlangsamung durch absichtliche Sprechpausen hilft dabei. Dialoggruppen setzen dafür oft Redesteine oder Redestäbe ein: durch das Aufnehmen und Zurücklegen von Stein oder Stab entsteht nach jedem Dialogbeitrag eine kleine Pause.

Respektieren

Respektieren bedeutet, die Meinungen oder Ideen der anderen als genauso legitim anzuerkennen wie die eigenen. Denn sie beruhen auf der je eigenen Lebenserfahrung, die jemand gemacht hat. Das bedeutet aber nicht, dass man damit einverstanden sein muss! Dialog entsteht erst dann, wenn es eigene Standpunkte gibt, die erkundet werden.

Artikulieren/Aussprechen

Artikulieren/Aussprechen heisst, die eigene Sprache zu finden und die eigene Wahrheit auszusprechen. Das bedeutet auch, von sich zu sprechen und den Mut dazu aufzubringen, das zu sagen, was einem wichtig ist, auch wenn es erstmal ins Unreine gesprochen wird. Dialog ist dann ein sicherer Raum, in dem ausprobiert werden kann, wie sich etwas anhört und wie es sich beim Aussprechen anfühlt.

In der Schwebe halten

In der Schwebe halten bedeutet, die eigene Meinung so vorzutragen, dass die anderen nachvollziehen können, wie sie zustande kam. Das geschieht, indem man erklärt, was man denkt und wie man darauf kommt. Vielleicht betrachtet man es selbst aus unterschiedlichen Blickwinkeln, wägt ab, überlegt neu. Dabei ist es wichtig, zwischen sich selbst und dem eigenen Denken zu unterscheiden. Nur wenn man sich nicht mit dem eigenen Denken identifiziert, fühlt man sich auch nicht angegriffen, wenn die eigenen Ansichten nicht geteilt werden. Dadurch kann man so sprechen, dass deutlich wird, dass man nicht auf etwas Absolutem beharren wird, sondern nach einer Erweiterung des eigenen Verständnisses und deshalb nach anderen möglichen Positionen sucht.

Sigrid Peuker 2009

Literatur: David Bohm, Donald Factor & Peter Garrett (1991): Dialog - Ein Vorschlag. Deutsche Übersetzung von "Dialogue - A Proposal" von Hanna Mandl, 2000. http://thinkg.net/david_bohm/bohm_dialog_vorschlag.html
Mehr Informationen zum Dialog sowie eine umfassende Literaturliste finden Sie unter www.sigridpeuker.de/Dialog.html

Quelle: http://www.tage-des-interkulturellen-dialogs.de/der_dialog/kurzeinfuehrung/